Rassegeflügelzucht

Warum Rassezucht

Auszug aus einem Aktualitätsartikel aus dem Netz:

„Gerade in den Kriegs – und Nachkriegsjahren diente die Haltung von Geflügel aller Art notwendigerweise auch der Versorgung der Familien. Geflügelfleisch und Geflügelprodukte fanden in den kargen Jahren nach dem Krieg fast wie selbstverständlich auch den Weg auf Nachbars Küchentisch. In der „ schlechten Zeit „wusste man sehr wohl diese Gaben zu schätzen. Und so verwundert es auch nicht, dass Geflügelzüchter nicht nur angesehene Nachbarn waren – auch das Krähen der Hähne oder andere Lautäußerungen des Geflügels als für diese Zeit normal und auch nicht als besonders störend empfunden wurden“.

Diese Ansicht gab es nach dem 2. Weltkrieg bis in die 60er Jahre, dann änderte sich vieles. Manch einer kann sich noch an die Zeiten erinnern. Viele aber nicht mehr.

Geflügelhaltung

Die Haltung von Geflügel war nicht nur auf Rassezucht ausgerichtet. Händler boten Geflügel der verschiedenen Arten (Hühner (Masthähne und Legehennen), Enten, Perlhühner, Gänse, Puten) an. Die Tiere dienten zur Ernährung der Haushalte, die ja meist grösser waren als heute. Wenn sie gute Leistung brachten, war die Schönheit Nebensache. Futter gab es aus Haus und Garten oder vom bekannten Bauern zu niedrigem Preis oder als Ausgleich für geleistete Hilfe. Da hatten auch die Rassezüchter Absatzmöglichkeiten für überzählige Tiere.

Rassezüchter gab es seit Jahrhunderten in verschiedenen Gegenden Europas und der Welt. Die Rassegeschichten zeugen davon. Aber flächendeckend gab es sie nicht. Erst mit dem Entstehen im 19. Jahrhundert von Vereinen oder Vereinigungen von Züchtern verbreiteten sich die Rassen.

Mit den technischen und sozialen Entwicklungen der letzten 50 Jahre nahm die Zahl der Geflügelhaltungen stetig ab.

Nur wenige Geflügelhändler und gewerbliche Betriebe für Geflügel und eingefleischte Geflügelzüchter bleiben übrig.

Wenn es sich um Handel und Gewerbe handelt, zählt die Leistung und die Verkaufsstrategie. Hier spielt die Schönheit keine Rolle. Die Zuchtstämme, die als Elterntiere gebraucht werden, werden nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten gezüchtet, mit den Mitteln der modernen Wissenschaft. Man spricht hier nicht von Rassen, eher von Linien. Patent geschützte Gebrauchskreuzungen dienen zur Zucht von Masttieren und Legehennen, die Tiere werden in grossen Brütereien erbrütet und schon gleich nach Schlupf nach Geschlecht sortiert. Was gebraucht wird, wird an Aufzuchtbetriebe verkauft, was nicht gebraucht wird, wird vernichtet.

Die Rassegeflügelzucht verfolgt andere Ziele. Der Zusammenhalt im Kleintierzuchtverein förderte die Rassezucht. Neue Rassen tauchten auf, wurden aus den Gegenden, wo sie entstanden oder durchgezüchtet wurden, importiert.

Bei den Rassegeflügelzüchtern zählte neben der Leistung auch das Aussehen. Heute zählt das Aussehen nach dem Rassestandard mehr als der Erhalt der Leistungsmerkmale, die doch viele Rassen im Ursprung hatten (Legeleistung, Fleischansatz, Anpassung an bestimmte Witterungen, Gesundheit, Widerstandskraft gegen verschiedene Krankheiten oder Parasiten, Futterverwertung, …) und auch heute haben sollen.

Das Aussehen nach Standard führt dazu, dass die Tiere einer Rasse oder eines Farbenschlags einer Rasse sich im Aussehen immer mehr gleichen. Das kann auch dazu führen, dass Leistungsmerkmale vernachlässigt werden.

Zur Rassezucht gehört aber auch der Erhalt oder die positive Weiterentwicklung von Eigenschaften wie Leistung, Gesundheit, usw. und das Verdrängen von negativen Eigenschaften, Fehlern, Mängeln, die dem Standardbild oder der Leistung und Gesundheit, usw. nicht entsprechen.

Wozu Rassezucht, auch als Hobby?

1. Kulturgut

Die Entstehung und Entwicklung der Rassen beinhalten auch gewisse Kulturen aus den Entstehungs- und Entwicklungsgebieten. Sie entwickelten sich im Laufe von Jahrzehnten bis Jahrhunderten. Auch die Rassen neueren Datums oder die verzwergten Rassen sind das Resultat von gesellschaftlichen und kulturellen Umständen und Vorlieben.

Insofern ist Rassezucht auch ein Kulturgut (wie Bauten, Gepflogenheiten, Traditionen, usw.), das nicht einfach verschwinden zu lassen ist.

Hier setzt der Sinn der heutigen Rassezucht an. Kulturgüter sind erhaltenswert.

Genau wie bei anderen Tierarten, sind auch beim Hausgeflügel alte Rassen verschwunden oder werden immer seltener. Tiere sind keine Jahre überdauernden Wesen. Sie überdauern die Zeiten nur dadurch, dass sie sich reproduzieren und dadurch auch entwickeln, positiv oder negativ. Sie unterliegen den Gesetzen und Regeln der Natur, Vererbungsregeln, Evolutionstheorie, Natureinflüssen, Einwirkungen des Menschen, ….

Alte Rassen sollen durch Reinzucht (Rassezucht) erhalten bleiben mit ihren Leistungen und ihrem Aussehen, damit sie die Zeit überdauern. Was aber auch nicht verhindern soll, dass sie weiter entwickelt werden dürfen oder neue Rassen oder Farbenschläge einer Rasse erzüchtet werden dürfen.

2. Rasseerhalt

Es geht weniger drum, die Tierarten zu erhalten. Die Arten sind Teil der menschlichen Nahrungskette, werden also kaum als Art bedroht sein solange sie als Nahrung geschätzt sind. Aber die Rassen und ihre Genvielfalt in ihrem Verhalten sind bedroht, weil sie durch wirtschaftliche Linien ersetzt werden, die leider meist in Massenhaltung gehalten werden und mit wissenschaftlichen Methoden auf ein einziges Ziel gerichtet sind.

In alten Rassen ist ein Erbgut über Jahrzehnte erhalten und weiterentwickelt worden. Ein Ziel der heutigen Rassezucht ist es, dieses Erbgut, die Zuchterfahrungen und das Wissen der Züchter zu erhalten.

Eine solche Arbeit mit Lebewesen und Natur macht aber kaum Sinn, wird sogar von Natur aus scheitern, wenn die Zuchtbasis zu klein wird, sprich zu wenige Zuchten bestehen. Wissenschaftlich ist bewiesen, dass bei zu kleiner Zuchtbasis, eine Genverarmung auftreten kann und somit ein Aus der Rasse. Somit ist ein Ziel der Kleintierzuchtvereine, die Zahl der Züchter zu vergrössern, damit die Zahl an Zuchten der verschiedenen Rassen/Farben nicht zu klein wird. Was leider immer wieder vorkommt und somit Rassen/Farben selten werden bis verschwinden.

Wie bei andern Tierarten gilt es auch hier das Genreservoir zu erhalten. Vermutlich hat die Biologiewissenschaft schon manche Reserven angelegt, aber sicher nur das, was den Verantwortlichen wichtig erscheint. …

Auch die Diversität der Gene und Merkmale soll erhalten bleiben. Hierzu kann jeder Züchter beitragen, vorausgesetzt, dass er auch Zuchttiere abgibt und seine Erfolge nicht nur für sich behält.

3. Beschäftigung mit Tieren

Fast jedes Kind findet Tiere interessant und in allen Kulturen der Menschheit haben Tiere eine Rolle gespielt – Domestikation, Nahrung, Mythologie, Kunst, usw..

Natürlich hat sich die Tierhaltung immer wieder verändert und sich der Zeit angepasst. Heute gibt es eine Vielzahl Tierarten, die man halten kann, je nach Interesse und Haltungsmöglichkeiten.

Warum nicht auch heute Geflügel halten?

Auch die Geflügelhaltung hat sich verändert. Wo die Tiere früher Eier und Fleisch lieferten, oder zu Kampf- und Kultzwecken gehalten wurden, so werden sie heute zum Hobby.

Obwohl hier auch die Schönheit wichtig ist und der Vergleich mit den Resultaten der andern Züchter, sollten doch auch die Leistungen (Eier, Fleisch, Gesundheit, Frohwüchsigkeit, …) nicht vergessen werden. Denn nicht jedes Tier ist ein Ausstellungstier oder Zuchttier, muss also anderswo Verwendung finden.

Leider ist es heute nicht gerade einfach, Geflügel in Wohngebieten zu halten. Die Laute und Geräusche von Geflügel, die nicht abstellbar sind, missfallen manchem Zeitgenossen. Auch braucht das Geflügel doch mehr Platz als manch andere kleine Tierart.

Die Vielfalt an Rassen und Farben beim Geflügel, besonders bei Hühnern, und ihre über das Jahr verteilte Eierleistung machen doch die Geflügelhaltung interessant.

Dem Halter oder Züchter obliegt es, die für ihn interessante Rasse/n zu finden. Will er ausreichend Eier, ausreichend Fleisch, oder beides, oder will er eine bestimmte Farbe, Zeichnung, oder auffallende Merkmale, oder spielt Eier- oder Fleischertrag keine Rolle? Für viele Richtungen gibt es was.

Die Beschäftigung mit eigenen Tieren fördert die Beschäftigung mit Lebewesen und Natur und zeigt die Entwicklungen von Beginn bis Ende auf. Sie bringt wertvolle Anregungen, um den Menschen auf Verantwortung für andere und anderes hin zu weisen. Tägliche Bewegung und Arbeit ist angesagt in und mit der Natur, besonders bei der Geflügelhaltung mit Auslauf.

4. Zeigen und Erleben der Vielfalt der Möglichkeiten der Natur

Heute kennen viele Kinder und Erwachsene viele einheimische Tiere nur vom Fernsehen und von Bildern und können sich das Aussehen, das Benehmen und die Entwicklung der Tiere in den verschiedenen Formen nur ungenügend vorstellen.

Ferme pédagogique (pädagogischer Bauernhof), Zoo, Erlebnisparks versuchen die einheimische Tier- und Pflanzenwelt vor zu stellen. Das mag auch gelingen und ist gut. Ist aber für die Besucher nur eine Momentaufnahme.

Kaum einer macht sich bei diesen Besuchen Gedanken, wo die Vielfalt an Formen und Farben herkommt. Ist das einfach so entstanden bei der Vermehrung? Oder war und ist da ein gewisses Können, Wissen und Erfahrungen eingebracht?

Ja, dahinter steckt eine Menge Erfahrung und Können. Die Tiere, die an solchen Orten gezeigt werden und leben, sind möglicherweise auch dort geboren. Aber wenn nicht auch anderswo Tiere gleichen Aussehens gehalten wurden oder werden, sprich über Generationen erhalten wurden/werden, könnte es sie an diesen Orten auch nicht geben. Ein Austausch von Zuchttieren muss immer sein ansonsten erhält sich keine Tierart oder Rasse über Generationen. In der freien Wildbahn wechseln ja auch Tiere ihr Revier, um sich in einem andern Revier mit den dort lebenden Artgenossen zu verpaaren.

Also brauchen wir mehrere Stellen wo eine Art oder Rasse gehalten und gezüchtet wird. So müssen sich mehrere Züchter mit einer Rasse einer Tierart beschäftigen, um eine ausreichende Verbreitung der Rasse zu gewährleisten, die den Fortbestand garantiert.

Sicher kann man bei Besuchen oben genannter Orte oder Ausstellungen auch einiges über Entstehung und Verbreitung der gezeigten Tiere erfahren. Nur das hilft nicht, die Tierart/Rasse zu erhalten. Die Biodiversität, der Begriff der oft gebraucht wird im Zusammenhang mit Naturerhalt usw., kann nur gewährleistet bleiben, wenn die Populationen der verschiedenen Arten und Rassen in ausreichender Zahl und Grösse bestehen. Im Sinne der Erhaltung der verschiedenen Rassen, Farben und Formen, die sich im Laufe der Zeiten beim Geflügel herausgebildet haben, ob mit oder ohne Zutun des Menschen, müssen ausreichend Zuchten bestehen, um den Erhalt zu gewährleisten. Diese Zuchten können aber nur dort bestehen, wo Menschen sich in ihrer Freizeit mit Freude damit beschäftigen.

Der aufmerksame Leser kann sich vorstellen, dass auch er sich damit beschäftigen dürfte, um einen kleinen Beitrag zur Biodiversität und zum Erhalt von Kulturgut und Naturgut zu leisten.

5. Was bringt Rassezucht noch?

Natürlich kann ich mich mit Tieren und der Natur beschäftigen ohne Rassezucht zu betreiben.

1. Aber alleine die Rassezucht erlaubt eine koordinierte Arbeit. Der Austausch und der Vergleich der Tiere unter den verschiedenen Züchtern kann ja nur möglich sein, wenn die Tiere sich gleichen, die Ziele dieselben sind, eine Kameradschaft entsteht.

Ausstellungen bieten gute Gelegenheiten, die Tiere zu vergleichen. Durch das Urteil und die Kritiken der Preisrichter ersehen wir in wie fern die Tiere dem vorgegebenen Ziel, dem Rassestandard unserer Rasse entsprechen. Die Zucht mit gut bewerteten Tieren stellt ein Ziel vor Augen, das auch erreichbar ist. Das Ziel erreicht sich aber auch nicht von selbst. Eine Menge Wissen und Erfahrungen im Umgang mit der Rasse und Züchterglück sind auch nötig.

Der menschliche Kontakt zwischen den Züchtern und ihren Familien, Geselligkeit im Verein, die natürlich auch in andern Vereinen und Clubs bestehen, sind auch beim Hobby Rassezucht wichtig. ‚En Hobby fir d’ganz Famill‘.

2. Der Lebensraum, die Anlage in der sich unsere Tiere befinden, die Futterflächen erlauben es uns auch, uns mit den Zusammenhängen in der Natur im Laufe der Jahreszeiten zu beschäftigen. Pflanzen, Blumen, der Garten, alles was kriecht und fliegt kann sich auch in und um unsere Stallungen und Ausläufe befinden.

Man denkt an Bienen und andere nützliche Insekten und Vögel, die ihren Lebensraum finden, den sie in der Agrarlandschaft weniger finden.‚En Hobby fir d’ganz Famill‘.

Wir müssen uns aber auch mit den unangenehmeren Gästen befassen, mit deren Verhalten und Begehren und den Massnahmen, sie zu behindern. Man denkt an Nager, Raubtiere, Raubvögel, Insekten, usw. die wir fernhalten müssen.

3. Es gibt auch den materiellen Nutzen. Eier und Fleisch der Tiere, wo wir wissen, wie sie gehalten werden und besser wissen, welches Futter sie fressen. Zur Erinnerung: es handelt sich um domestiziertes Geflügel, das vorwiegend auch zu Nahrungszwecken gehalten wird. Vegetarier werden sicher nur selten Geflügel vermehren, nur wegen der Schönheit. Nicht jedes Rassetier entspricht dem Rassestandard so gut, dass es vom Preisrichter als Zuchttier eingestuft wird. Nicht jedes Zuchttier können wir für unsere Zucht behalten, weil wir doch im Zuchtumfang begrenzt sind. Also geht manches Tier in die Nahrungskette.

Zusammenfassung

In den Geflügelrassen, auch in den neueren Züchtungen, ist das Erbgut des Geflügels, das über Jahrhunderte entstanden ist, erhalten, gepaart mit den Erfahrungen und Erkenntnissen unserer Vorfahrengenerationen. Also ein Kulturgut.

Auch Rassegeflügel wird in der Nahrungskette genutzt. Zwar nicht in dem Masse, wie die kommerzielle wirtschaftliche Produktion. Eier und Fleisch unseres selbst aufgezogenen Geflügels geben uns eine Genugtuung. Wir wissen, wie die Tiere lebten und mehr oder weniger was sie gefressen haben.

Die Vielfalt der Rassen in Form, Farbe, besondere Merkmale kann nur erhalten werden, wenn möglichst viele Züchter sich mit der Weiterzucht nach den Beschreibungen des Rassestandards befassen.

Die Kleintierzüchtervereine bieten die Möglichkeiten, sich unter Gleichgesinnten zu treffen und die Erfahrungen und Erkenntnisse unserer Vorgänger weiter zu geben und zu erweitern.